Misophonie und Reflexe

Unser Hirnstamm, bzw. das Reptiliengehirn, kontrolliert unsere Reflexe. Wenn es einen Stimulus wahrnimmt, löst es eine sofortige physiologische Reaktion aus. Der Stimulus kann intern sein: ein erhöhter Kohlendioxidspiegel im Blut veranlasst uns, schneller zu atmen. Der Stimulus kann auch extern sein: wir schrecken aufgrund eines lauten Geräusches zusammen.
Sie können Ihre Reflexe nicht kontrollieren. So bestimmen Sie beispielsweise nicht, ob Sie schwitzen wollen oder nicht. Wenn Sie hellem Licht ausgesetzt sind, ziehen sich Ihre Pupillen ganz automatisch zusammen. Ihr Verdauungssystem, Ihr Herzschlag und Ihr Schreckreflex werden ebenfalls ohne Ihre bewusste Entscheidung vom Reptiliengehirn kontrolliert.
Einige Ihrer Reflexe sind angeboren, während andere im Laufe des Lebens entstehen. Diese Entwicklung heißt klassische oder Pavlov’sche Konditionierung und beginnt sofort nach Ihrer Geburt. 1901 führte Pavlov eine Studie mit Hunden durch, um deren Verdauung und Speichelfluss zu erforschen. Eines der Experimente diente dazu, die produzierte Speichelmenge der Hunde abhängig von der jeweiligen Fleischmenge, die sie fraßen, zu messen. Dabei entdeckte er, dass die Hunde schon Speichel produzierten, bevor sie das Fleisch fraßen. Das brachte ihn auf die Idee, herauszufinden, ob er den Speichelfluss der Hunde auch mit einem Glöckchen auslösen könne.
Bevor er den Hunden das Fleisch gab, das ihren Speichelfluss auslöste, klingelte er mit dem Glöckchen. Er wiederholte den Ablauf: Klingeln-Fleischgabe-Speichelfluss, Klingeln-Fleischgabe-Speichelfluss. Dann ließ er das Fleisch weg und die Hunde produzierten dennoch Speichel. Das Gehirn hatte das Klingeln mit dem Speichelfluss verbunden, denn es wusste, dass das Fleisch folgen würde. Nachdem sich der Ablauf mehrmals wiederholt hatte, lernte das Reptiliengehirn, dass der Ton signalisierte, dass Speichel benötigt wurde. So verknüpfte das Reptiliengehirn den Stimulus (das Klingeln) mit der Reaktion (Speichelproduktion). Über Jahre hinweg glaubten Forscher, dass sich der Reflex entwickelt habe, weil das Klingeln mit der Fleischgabe verbunden werde, aber neueste Studien zeigen, dass es wie beschrieben mit dem Speichelfluss gekoppelt ist.

Wichtig zum Verständnis der Misophonie ist, dass wir den konditionierten Reflex als eine Verbindung zwischen dem Stimulus und der körperlichen Reaktion betrachten. Als ich damit begann, Misophonie und die Entwicklung des misophonischen Reflexes zu untersuchen, stellte ich fest, dass es keinen unkonditionierten Stimulus gibt (so wie Fleisch, das das Speicheln der Hunde auslöst). Es gibt jedoch eine Verknüpfung des Triggerstimulus mit dem ersten misophonischen körperlichen Reflex, und dieser ist dem Betroffenen normalerweise völlig unbewusst.
Ein konditionierter Reflex entwickelt sich, wenn zwischen den beiden Stimuli nicht mehr als zwei Sekunden, am besten nur eine halbe, liegen. Wenn ich z.B. mit einer kleinen Glocke als Stimulus klingele und Sie eine halbe Sekunde danach in die Seite stupse (2. Stimulus), und diesen Vorgang einige Male wiederhole, würden Sie schließlich dem Klingeln zusammenschrecken, auch wenn ich Sie nicht stupse.
Konditionierte Reflexe verlieren sich wieder, wenn die Reaktion nicht mehr provoziert oder erzwungen wird. Bei den Pawlov´schen Hunden verliert sich der Reflex (das Speicheln nach dem Klingeln), wenn über einen längeren Zeitraum kein Fleisch nachgeliefert wird.
Bei Misophonie hören die Reflexe jedoch nicht auf. Offensichtlich verstärkt sich der misophonisch-konditionierte Reflex, wenn ein Trigger wahrgenommen wird. Wenn Sie einen Trigger hören (z.B. Kaugeräusche) wird der Reflex ausgelöst. Danach erfolgt der emotionale Schub, durch den sich die Muskelanspannung noch weiter erhöht. Ihr Reptiliengehirn verbindet jetzt das Geräusch mit einer starken Muskelanspannung und glaubt, beim nächsten Trigger den Muskel noch stärker anspannen zu müssen. Dieser starke emotionale Schub nach dem Trigger scheint dafür verantwortlich zu sein, dass der Reflex sich bei jedem Trigger verfestigt, anstatt nachzulassen.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier


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