Misophonie: eine wenig bekannte, aber dennoch weit verbreitete Störung

Viele halten Misophonie für eine seltene Krankheit. Dabei ist sie das keineswegs.

Über SurveyMonkey.com erhielt ich Umfrageresultate von zufällig ausgesuchten Personen, die absolut nichts mit Misophonie zu tun hatten und nur an Umfragen teilnahmen, um eine Wohlfahrtsorganisation ihrer Wahl zu unterstützen. Der Titel der Umfrage erwähnte weder Geräusche, noch Geräuschempfindlichkeit. Von 310 Personen (50% Frauen, 50% Männer) wiesen 15.2% Reaktionen auf, die auf Misophonie hindeuteten. Frauen (18.6%) waren häufiger betroffen als Männer (11.6%). Eine Krankheit wird als selten eingestuft, wenn höchstens eine von 1500 Personen (0,07%) an ihr leidet. Die Umfrage zeigte, dass etwa 225 von 1500 Personen an Misophonie litten, daher kann sie absolut nicht als „seltene Krankheit“ eingestuft werden. Sie ist eine wenig bekannte, aber dennoch weit verbreitete Störung.
Das Ergebnis lag mit 15% weit höher als ich erwartet hatte, wurde aber durch andere Studien bestätigt. 2014 erschien eine offizielle, durch Fachleute geprüfte Studie, die in der Psychologieabteilung des „South Florida’s College of Medicine“ durchgeführt wurde. An Universitäten ist es üblich, Psychologiestudenten an Umfragen oder anderen Formen von Nachforschung teilnehmen zu lassen. Fast 500 Studenten (84% weiblich, 16% männlich) nahmen an der Studie teil. Die Studie war umfassend genug, um feststellen zu können, wie Misophonie sich auf das Leben der Betroffenen auswirkt. Das Ergebnis war, dass 20% der Teilnehmer eine klinisch bedeutsame Misophonie aufwiesen. „Klinisch bedeutsam“ heißt, dass ihre Trigger ihr Leben stark beeinflussten.
20% schien im Vergleich zu meinen früheren Beobachtungen zuerst ein überraschend hohes Ergebnis zu sein. Es war allerdings zu bedenken, dass 84% der Teilnehmer ja weiblich waren, und so passte das Ergebnis dieser Studie zu dem meiner vorherigen Umfrage, die gezeigt hatte, dass 18.6% aller Frauen misophonische Trigger hatten.
Auf der Website der Firma 23andMe.com, die private DNA-Untersuchungen macht, wurde vor Kurzem in einem Blog eine interne Studie erwähnt, die mit 80.000 Kunden durchgeführt wurde. Die zu beantwortende Frage lautete: „Machen die Kaugeräusche anderer Sie wütend?“ (Ja/nein/ich bin mir nicht sicher.) Ungefähr 20%, meistens Frauen, antworteten mit „ja“.
Wie wir diesen Umfragen entnehmen können, ist Misophonie recht weit verbreitet und betrifft mindestens 15% aller Erwachsenen, wobei die meisten davon Frauen sind. Unglaublich viele Personen leiden still vor sich hin und werden als mürrisch, launenhaft oder reizbar abgestempelt. Gemäß diesen Zahlen, die derzeit durch Untersuchungen nach und nach bestätigt werden, leiden vermutlich allein in den USA über 40 Millionen Menschen an Misophonie.
Wenn Sie willkürlich einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen, und dann eine Person aus einer Menschenmenge herausgreifen, ist es wahrscheinlicher, dass die zufällig ausgesuchte Person an Misophonie leidet, als dass der Arzt oder Therapeut diese Störung kennt.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier


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