Der körperliche Reflex in der misophonischen Reaktionskette

Extreme Emotionen wie Wut, Ekel oder Verbitterung überwältigen den Misophoniker, evtl. fühlt er sich auch beleidigt und / oder angegriffen. Hilflosigkeit oder Trostlosigkeit kann ebenfalls zu diesen starken Gefühlen gehören. Warum ist es nicht möglich, diese Emotionen zu unterbinden? Die Antwort: Weil für die Misophonie nur die unbewussten Teile des Gehirns verantwortlich sind (das Reptiliengehirn löst den emotionalen Reflex des limbischen Systems aus), können Misophoniker ihre Reaktion auf den Trigger genauso wenig kontrollieren wie z.B. einen Schweißausbruch. Auch die äußeren Umstände sind unwichtig – der Triggerstimulus löst die Emotionen jedes Mal aus, wenn unser Reptiliengehirn ihn wahrnimmt.

Der körperliche Reflex

Es scheint so, als ob die extremen Emotionen eine direkte Reaktion auf einen Trigger sind. Die folgende Abbildung illustriert diese Auffassung von Misophonie:

Scheinbare Reaktionskette bei Misophonie

Diese Zeichnung ist aber unvollständig, es fehlt ein entscheidender Zwischenschritt! Der Trigger löst nicht die Emotionen aus, sondern einen körperlichen Reflex. Erst dieser Reflex ruft dann die extremen Emotionen hervor. Die tatsächliche Ereigniskette sieht also so aus:

Tatsächliche Reaktionskette bei Misophonie

Diesen unfreiwilligen Muskelreflex bestätigen über 95% meiner Patienten. Ein Geräusch löst eine bestimmte körperliche Reaktion aus, beispielsweise die Muskelanspannung des Nackens, der Schultern, des Brustkorbs, der Arme, des Gesichts, der offenen oder geballten Hand, der Füße, Beine, Zehen oder des Pos. Manchmal sind die Reflexe auch intern, so wie in der Speiseröhre oder im Magen. Der Misophoniker spürt eventuell Übelkeit, sexuelle Erregung oder Harndrang. Es gibt eine Vielzahl von Reflexen, und bei einigen sind sogar mehrere Muskeln beteiligt. Ein Patient beschrieb, dass er sich jedes Mal so fühle, als ob er einen Ball fangen würde, der gegen seinen Brustkorb prallt – beide Hände schossen nach oben, seine Ellbogen pressten sich an den Körper. Folgendes Video zeigt eine solche Reaktion. TRIGGERWARNUNG: Im Video ist ein Schniefen zu hören.

Die Individualität der körperlichen Reflexe bestätigt, dass Misophonie keine plötzlich auftauchende genetische Störung ist, sondern dass sie sich aus der Neurologie und den Erfahrungen der jeweiligen Person heraus entwickelt.
Einige körperliche Reflexe sind fast nicht wahrnehmbar, z.B. eine ruckartige Bewegung des Kopfes oder ein Augenzucken. Andere hingegen sind sehr stark. Eine Person sagte, ihr Reflex fühle sich an, als ob sie jemand mit einem Spaten quer durch die Brust aufspieße, eine andere sagte, es sei ein Gefühl als ob jemand ihr eine Nervenfaser aus der Wirbelsäule zöge. Obwohl es bei 30 – 40 Millionen Misophonikern natürlich Gemeinsamkeiten gibt, findet man wahrscheinlich keine zwei genau übereinstimmenden Beschreibungen.
Der körperliche Reflex ist immer da, wird wegen der extrem starken Emotionen aber normalerweise nicht wahrgenommen, weil diese sozusagen über allen anderen Empfindungen liegen. Bei einer meiner Patientinnen konnten ihre Mutter und ich ein Achselzucken sehen, während sie selbst nichts davon spürte. Bei einem anderen Patienten war es ein Zucken im Bein, bei wieder einem anderen ein Stirnrunzeln. Auch sie spürten ihren Reflex erst nach langem Suchen. Es ist wie ein Doppelschlag beim Boxen: erst der kaum spürbare körperliche Reflex und sofort danach die überwältigenden Emotionen, oder die Flucht-oder-Kampf-Reaktion. Die körperliche Reaktion ist viel schwächer als die emotionale und deshalb sehr schwer wahrzunehmen.
Wenn Sie ihren körperlichen Reflex genau bestimmen wollen, brauchen sie dazu einen schwachen Trigger – kurz und leise, also eine halbe Sekunde oder weniger, und fast unhörbar, am besten als Aufnahme. Der Trigger soll so leise sein, dass er zwar den Reflex, aber keine negative misophonische Reaktion auslöst. So können Sie bewusst Ihren Reflex wahrnehmen. Zum Aufnehmen und Abspielen können Sie z.B. meine kostenlose „Misophonia Reflex Finder App“ verwenden, mit ihr lassen sich auch Dauer und Lautstärke genau einstellen.

Die Identifizierung des Triggermuskels ist der erste Schritt zu einer dauerhaften Auflösung der misophonischen Reaktion.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier


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