Misophonie – Trigger

Es gibt eine große Bandbreite von Triggern. Obwohl Kau- und Atemgeräusche besonders häufig vorkommen, kann auch jedes andere sich wiederholende Geräusch zum Trigger werden. Niemand hat sämtliche Trigger. Jeder Misophoniker hat seine eigene Kombination.
Der erste Trigger eines Misophonikers stammt immer von einer ganz bestimmten Person oder aus einem bestimmten Bereich seines Lebens. Es können Vogelgezwitscher, Grillenzirpen, klopfende Rohre, bestimmte Worte, die Geräusche von technischen Geräten u.ä. sein. Häufig sind es Essgeräusche, z.B. wenn jemand Popcorn isst oder (sehr häufig) das Platzen von Kaugummiblasen.
Für manche Misophoniker ist ein Geräusch nur dann ein Trigger, wenn eine bestimmte Person sie macht. Einer meiner Patienten war ein 15-jähriger Junge, der misophonische Reaktionen hatte, wenn seine Mutter etwas Knuspriges aß. Ich stellte ihn mit dem Gesicht zur Wand und steckte mir Kartoffelchips in den Mund. Keine Reaktion. Seine Mutter tat das Gleiche und er reagierte sofort mit: „Igitt! Das ist es!“ Dahingegen gibt es andere, die immer auf dieselbe Art von Geräusch reagieren, egal von wem es stammt.
Ich hatte eine Frau in Behandlung, deren Trigger ihr Ehemann war, wenn er „äh“ sagte. Dieser einsilbige Laut löste in niemandem sonst eine Reaktion aus, und es störte sie auch nicht, wenn andere ihn machten. Es war ihr ganz persönlicher Trigger. Eine andere Frau konnte es nicht aushalten, wenn ihr Mann knuspriges Brot aß. Für einige Kinder ist die Stimme eines Elternteils ihr Trigger, aber nicht Stimmen im Allgemeinen.
Ich kenne einen Mann in den 40ern, vor dessen Fenster Vögel ihr Nest bauten. Es handelte sich um Spottdrosseln, die 24 Stunden am Tag zwitschern, und das taten sie nun direkt vor seinem Schlafzimmerfenster. Dieser Vogelgesang entwickelte sich zu seinem Trigger.
Die meisten Misophoniker haben Trigger, die von Menschen erzeugt werden. Einige reagieren aber auch auf Geräusche von Dingen, wie z.B. klopfende Rohre, tickende Uhren, Haartrockner, elektrische Rasierapparate. Trigger basieren auf den eigenen, einzigartigen Erfahrung mit Geräuschen.
Der Grund für die vielen übereinstimmenden („typischen“) Trigger ist, dass wir viele Erfahrungen und Aktivitäten gemeinsam haben. Wir essen oft gemeinsam mit anderen Menschen, hören andere atmen, und wenn wir mit einem Allergiker zusammen wohnen, gehören die mit einer gereizten Nasenschleimhaut verbundenen Geräusche zum Alltag. Diese Erfahrungen führen zu häufig vorkommenden Triggern, schließen aber nicht die Entwicklung seltenerer individueller Trigger aus.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie – In welchem Alter fängt es an?

Misophonie äußert sich nicht bei jedem auf dieselbe Weise. Zwar kommen bestimmte Trigger (Essgeräusche) und emotionale Reaktionen (Wut, Hass und Ekel) häufig vor und oftmals nimmt die Misophonie ihren Anfang im Kindesalter (6-12 Jahre) und verschlimmert sich während der Pubertät. Aber die Misophonie hat viele Gesichter.

Im März 2013 führte ich eine Umfrage mit fast 200 Misophonikern durch, von denen 75% der Teilnehmer Frauen waren. Bei 25% der Betroffenen hatte sich die Misophonie erstmals im Alter zwischen 9 und 10 Jahren gezeigt, bei 21% zwischen 7 und 8 Jahren, und bei 20% mit 11 bis 12 Jahren. Diese Altersgruppen scheinen also typisch für den Beginn der Misophonie zu sein. Es gab aber auch Teilnehmer, die erst 4 oder schon 55 Jahre alt waren, als sich die Störung zu manifestieren begann. Bei einigen verschlimmerte sich ihre Misophonie bereits mit 4 Jahren, bei anderen erst mit 64.
In der folgenden Grafik stellen die dunklen Balken das Alter dar, in dem die Misophonie zuerst auftrat, die helleren das Alter, in dem sie sich verschlimmerte.

Alter bei Beginn der Misophonie

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie: eine wenig bekannte, aber dennoch weit verbreitete Störung

Viele halten Misophonie für eine seltene Krankheit. Dabei ist sie das keineswegs.

Über SurveyMonkey.com erhielt ich Umfrageresultate von zufällig ausgesuchten Personen, die absolut nichts mit Misophonie zu tun hatten und nur an Umfragen teilnahmen, um eine Wohlfahrtsorganisation ihrer Wahl zu unterstützen. Der Titel der Umfrage erwähnte weder Geräusche, noch Geräuschempfindlichkeit. Von 310 Personen (50% Frauen, 50% Männer) wiesen 15.2% Reaktionen auf, die auf Misophonie hindeuteten. Frauen (18.6%) waren häufiger betroffen als Männer (11.6%). Eine Krankheit wird als selten eingestuft, wenn höchstens eine von 1500 Personen (0,07%) an ihr leidet. Die Umfrage zeigte, dass etwa 225 von 1500 Personen an Misophonie litten, daher kann sie absolut nicht als „seltene Krankheit“ eingestuft werden. Sie ist eine wenig bekannte, aber dennoch weit verbreitete Störung.
Das Ergebnis lag mit 15% weit höher als ich erwartet hatte, wurde aber durch andere Studien bestätigt. 2014 erschien eine offizielle, durch Fachleute geprüfte Studie, die in der Psychologieabteilung des „South Florida’s College of Medicine“ durchgeführt wurde. An Universitäten ist es üblich, Psychologiestudenten an Umfragen oder anderen Formen von Nachforschung teilnehmen zu lassen. Fast 500 Studenten (84% weiblich, 16% männlich) nahmen an der Studie teil. Die Studie war umfassend genug, um feststellen zu können, wie Misophonie sich auf das Leben der Betroffenen auswirkt. Das Ergebnis war, dass 20% der Teilnehmer eine klinisch bedeutsame Misophonie aufwiesen. „Klinisch bedeutsam“ heißt, dass ihre Trigger ihr Leben stark beeinflussten.
20% schien im Vergleich zu meinen früheren Beobachtungen zuerst ein überraschend hohes Ergebnis zu sein. Es war allerdings zu bedenken, dass 84% der Teilnehmer ja weiblich waren, und so passte das Ergebnis dieser Studie zu dem meiner vorherigen Umfrage, die gezeigt hatte, dass 18.6% aller Frauen misophonische Trigger hatten.
Auf der Website der Firma 23andMe.com, die private DNA-Untersuchungen macht, wurde vor Kurzem in einem Blog eine interne Studie erwähnt, die mit 80.000 Kunden durchgeführt wurde. Die zu beantwortende Frage lautete: „Machen die Kaugeräusche anderer Sie wütend?“ (Ja/nein/ich bin mir nicht sicher.) Ungefähr 20%, meistens Frauen, antworteten mit „ja“.
Wie wir diesen Umfragen entnehmen können, ist Misophonie recht weit verbreitet und betrifft mindestens 15% aller Erwachsenen, wobei die meisten davon Frauen sind. Unglaublich viele Personen leiden still vor sich hin und werden als mürrisch, launenhaft oder reizbar abgestempelt. Gemäß diesen Zahlen, die derzeit durch Untersuchungen nach und nach bestätigt werden, leiden vermutlich allein in den USA über 40 Millionen Menschen an Misophonie.
Wenn Sie willkürlich einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen, und dann eine Person aus einer Menschenmenge herausgreifen, ist es wahrscheinlicher, dass die zufällig ausgesuchte Person an Misophonie leidet, als dass der Arzt oder Therapeut diese Störung kennt.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Emotionale Reaktionen der Misophonie

Den folgenden Fragebogen verwende ich für meine neuen Misophonie-Patienten, um ihre emotionalen Reaktionen auf Trigger zu bewerten. Die Emotionen bzw. Reaktionen, die in der Liste beschrieben werden, sind nach ihrem Schweregrad sortiert und reichen von gering bis extrem.

Bewertung: 0: nie, 1: ab und zu, 2: oft, 3: fast dauernd

  • Sie hören ein bekanntes Triggergeräusch, und es gefällt Ihnen nicht.
  • Sie hören ein Triggergeräusch und fühlen sich genervt oder verärgert.
  • Sie möchten der Person, die das Triggergeräusch verursacht, Ihren Ärger vermitteln.
  • Sie möchten, dass diese Person mit dem Geräusch aufhört.
  • Sie möchten die Person dazu zwingen, mit dem Geräusch aufzuhören.
  • Sie wollen sich vergewissern, dass die betreffende Person tatsächlich das Geräusch macht, und fühlen sich gedrängt, sie anzustarren.
  • Sie möchten das Geräusch mit anderen Lauten verdrängen.
  • Sie möchten sich so weit wie möglich vom Geräusch entfernen.
  • Sie wünschen sich, Sie wären taub.
  • Sie haben Angst, mit Ihren Handlungen die Gefühle anderer zu verletzen.
  • Sie möchten sich unauffällig vom Geräusch zurückziehen.
  • Sie möchten sich so schnell wie möglich vom Geräusch entfernen, auch wenn es peinlich wird.
  • Sie möchten die Person, die das Geräusch macht, schubsen oder stoßen.
  • Sie möchten die Person, die das Geräusch macht, verbal angreifen.
  • Sie möchten die Person, die das Geräusch macht, körperlich angreifen.
  • Sie möchten die andere Person körperlich verletzen.
  • Sie möchten schreien.
  • Sie sind wütend.
  • Sie sind zornig.
  • Sie hassen die andere Person.
  • Sie fühlen sich angeekelt.
  • Sie nehmen es der anderen Person übel.
  • Sie fühlen sich dazu gedrängt, wegzulaufen.
  • Sie wollen sich rächen.
  • Sie fühlen sich von der Person, die das Geräusch macht, beleidigt oder angegriffen.
  • Sie sind verzweifelt und hoffnungslos.

Die meisten Misophoniker können mindestens 75% dieser Gefühle oder Reaktionen nachempfinden. Meist bejahen Misophoniker alle diese Emotionen bis auf zwei oder drei.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Bild: lian_2011, shutterstock.com

Über Trigger

Misophonie-Trigger entstehen meist in ganz normalen Alltagssituationen im familiären Umfeld. In einer Umfrage aus dem Jahr 2013 sagten zwei Drittel der befragten Misophoniker, dass Kau- oder Essgeräusche ihre schlimmsten Trigger seien. 10% nannten Atemgeräusche als ihren Haupttrigger. Bei den übrigen 25% sind es die unterschiedlichsten Auslöser, wie z.B. Bassgeräusche durch die Wand, ein bellender Hund, Husten, das Klicken eines Kugelschreibers, Pfeifen, das Reden der Eltern, das Zischen in Wörtern wie „Ross“ oder „Chips“ und Tastaturgeräusche. Diese Liste ist keineswegs vollständig, denn jegliche sich wiederholenden Geräusche oder visuellen Eindrücke, und in seltenen Fällen sogar etwas, was man fühlt, riecht oder spürt, können zu Triggern werden.
Ob ein Geräusch zum Trigger wird, liegt nicht an dem Geräusch an sich, sondern an den Umständen unter denen es wahrgenommen wird.
Zu Anfang wirkt nur ein einziges Geräusch, das vielleicht sogar nur von einer einzigen Person stammt, als Trigger. Nach und nach weitert er sich auf ähnliche Laute, andere Umgebungen, schließlich alle Personen, die das bestimmte Geräusch machen und visuelle Eindrücke, die der Misophoniker mit dem Geräusch verbindet, aus. In einem späteren Kapitel werden wir näher untersuchen, wie sich neue Trigger entwickeln.
Misophonie kann auch mit einem visuellen Trigger beginnen, bis jetzt habe ich das allerdings nur bei einem einzigen Patienten beobachtet. Gewöhnlich beginnt alles mit einem Triggergeräusch, nach und nach können dann auch visuelle Eindrücke, die mit dem Trigger zusammenhängen, misophonische Reaktionen auslösen.
Wenn beispielsweise Kaugeräusche ein Trigger sind, dann kann schon die Beobachtung triggern, wenn jemand Essen zum Mund führt oder nach den Kartoffelchips greift.
Bilder, die eng mit einem Trigger verbunden sind, können auch allein (also ohne das dazugehörende Geräusch) eine misophonische Reaktion auslösen. Nehmen wir einen Misophoniker, dessen Trigger schmatzendes Kaugummikauen ist. Wenn er Kieferbewegungen sieht, verknüpft er dieses Bild unbewusst mit Kauen, was er wiederum mit Kaugummikauen verbindet, und schon wird die Kieferbewegung zu einem visuellen Trigger.

Übliche misophonische Trigger

Geräusche/Audio-Trigger:

  • Essgeräusche: Kauen, Zähneknirschen, schmatzen, Schlucken, mit vollen Mund reden
  • Geräusche, die am Esstisch gemacht werden: das Kratzen der Gabel auf dem Teller oder an den Zähnen, das Klimpern eines Löffels gegen einen Schüsselrand, Klirren von Gläsern
  • Trinkgeräusche: Schlürfen, nach einem Schluck „ah“ sagen, Schlucken, nach einem Schluck durchatmen
  • andere Mundgeräusche: an den Zähnen saugen, Küssen, Zahnseide benutzen, Zähne putzen
  • verwandte Geräusche: eine Kartoffelchipstüte aufmachen, eine Plastikflasche quetschen, eine Tasse absetzen
    Atemgeräusche: Schniefen, Schnauben, durch die Nase atmen, regelmäßiges Atmen, Schnarchen, pfeifender Atmen,
  • Gähnen, Husten, Räuspern, Schluckauf
  • Verbale Trigger: Konsonanten (besonders S und P), Vokale (weniger üblich), das „Plopp“-Geräusch mit den Lippen, heisere oder raue Stimmen, Flüstern, bestimmte Worte, Unterhaltungen, Fernseher durch die Wand hören, Singen, Summen, Pfeifen, Murmeln, das Wort „eh“
  • übliche Geräusche rund ums Haus: Bass durch die Wände, Zuwerfen von Türen, das Brummgeräusch des Kühlschranks, Haartrockner, elektrischer Rasierer, Nagelklipsen, Scharren von Füßen, Flip-Flops, schwere Fußtritte, Laufen auf oberem Stockwerk, Gelenkknacken, Kratzen, das Ticken einer Uhr, das Klopfen von Rohren, weinendes Baby, Toilettenspülung
  • übliche Geräusche am Arbeitsplatz, bzw. in der Schule: Tippen, Mausklicken, Umblättern, mit einem Bleistift auf Papier schreiben, Kopierer, das Klicken eines Kugelschreibers, das Klopfen eines Stiftes oder Fingers auf dem Tisch
  • andere Geräusche: landwirtschaftliche Geräte, Pumpen, Rasenmäher, aufprallende Bälle, Piepton beim Einlegen des Rückwärtsgangs, Verkehrsgeräusche, Piepton beim Autoschließen, das Zuschlagen einer Autotür
  • Tiergeräusche: Fellpflege bei Hund oder Katze, Hundegebell, Krähen eines Hahnes, Vogelgezwitscher, Grillengezirpe, Frösche, Kratzen, Gewinsel

Visuelle Trigger

  • Kieferbewegung (Kauen), das Gesicht berühren, auf einem Smartphone scrollen, mit dem Finger zeigen, mit dem Fuß wippen, mit einer Haarsträhne spielen, Essen zum Mund führen, mit den Fingern klopfen, Zwinkern

Geruchstrigger

  • bestimmte Gerüche (selten)

Taktile Trigger

  • eine Tastatur anfassen, bestimmte Textilien (selten)

Weitere Trigger

  • Vibrationen von Bass, das Stoßen gegen Schreibtisch oder Stuhl, schwere Schritte

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Was ist Misophonie nicht?

Um zu verstehen, was Misophonie eigentlich ist, ist es zunächst wichtig zu wissen, was sie NICHT ist.
Misophonie ist keine Überempfindlichkeit gegenüber Lautstärke, wie sie z.B. bei Kleinkindern häufig auftritt. Dies ist eine Hyperakusis, die oft schon in der Kindheit beginnt, und sich im weiteren Leben fortsetzt. Manchmal entwickelt sie sich allerdings auch erst im Erwachsenenalter. Ein Audiologe kann testen, ab welcher Lautstärke Geräusche als schmerzhaft empfunden werden und bestimmte Behandlungen empfehlen, die die Beschwerden lindern.
Misophonie ist auch etwas anderes als Phonophobie. Dies ist die Angst vor bestimmten Geräuschen (z.B. Toilettenspülung, Staubsauger). Diese Störung tritt ebenfalls oft schon bei Kleinkindern auf, außerdem bei autistischen Kindern, und hat nichts mit Misophonie zu tun.
Auch die „Störung der Sinnesverarbeitung“ (SPD – Sensory Processing Disorder) hat absolut nichts mit Misophonie zu tun. Diese Störung äußert sich durch signifikante Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von sensorischem Input, beispielsweise Tasten, Schmecken, Riechen, Sehen und Hören. Ein Kind, das darunter leidet, zeigt eine Intoleranz gegenüber lauten Geräuschen – oftmals wird in solchen Fällen fälschlicherweise Hyperakusis oder Phonophobie diagnostiziert.
Misophonie ist nicht die simple Irritation, die jemand aufgrund von lauten, kontinuierlichen, irritierenden oder aufdringlichen Geräuschen empfindet, und sollte auch nicht mit Hochsensibilität verwechselt werden. Hochsensible Personen haben eine geringe Toleranz gegenüber unangenehmen oder irritierenden Situationen.
Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der in der Nähe eines Flughafens wohnt und extrem emotional auf den Fluglärm reagiert. Er leidet wahrscheinlich unter Misophonie, wenn schon ein einziges Flugzeug diese Reaktion triggert. Wenn aber hauptsächlich das erste Flugzeug am frühen Morgen die negative Reaktion hervorruft, dann ist er eher hochsensibel. Er ärgert sich, weil er weiß, dass er dem Lärm den ganzen Tag ausgesetzt sein wird. Dadurch fühlt er sich völlig verzweifelt. Diese extremen Gefühlsregungen ähneln denen der Misophonie – von dieser sprechen wir aber nur dann, wenn eine Person auf das einzelne Vorkommen eines Triggers sofort mit Irritation, Wut oder Ekel reagiert.
Eine hochsensible Person kann gleichzeitig auch an Misophonie leiden. Aufgrund ihrer Hochsensibilität kann sie vielleicht einige irritierende Geräusche nicht ausstehen und hat zusätzlich noch misophonische Trigger.

Es ist auch nicht unbedingt Misophonie, wenn Sie die folgenden Geräusche als störend empfinden:

  • Nägelkratzen auf einer Schultafel,
  • ein schreiendes Baby,
  • ein Messer kratzt auf Glas,
  • ein Winkelschleifer (Flex) oder
  • eine kreischende Frau.

Sie gehören zu den Top 10 der irritierendsten Geräusche und es wird vermutet, dass wir genetisch dazu veranlagt sind, auf sie zu reagieren.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Was ist Misophonie?

Der Begriff „Misophonie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „Miso“ (Hass) und „Phonia“ (Geräusche) zusammen und bedeutet wörtlich „Hass auf Geräusche“. Diese Störung, charakterisiert durch extreme emotionale Reaktionen auf normale Geräusche, wurde 2001 von den Neurowissenschaftlern Dr. Pawel und Dr. Margaret Jastreboff benannt. Im Jahre 1997 identifizierte die Audiologin Marsha Johnson diese Störung zum ersten Mal und nannte sie „Selektive Geräuschintoleranz – Selective Sound Sensitivity Syndrome“, oder als Kurzform „4S“. Diese Bezeichnung ist zwar viel treffender, da die Intoleranz nur bestimmte, d.h. selektive Geräusche umfasst, aber mittlerweile ist der Begriff „Misophonie“ bekannter und schließt auch visuelle Trigger mit ein.

Ein Misophoniker reagiert sofort auf den Triggerstimulus, der entweder hörbar oder sichtbar ist. Diese Reaktion ist ein Reflex, also unmittelbar und unfreiwillig. Die Trigger sind häufig leise, normale Geräusche, die Nicht-Misophoniker oft gar nicht wahrnehmen. Wenn jedoch ein Misophoniker zusammen mit jemandem im Zimmer ist, der auf seinem Kaugummi herumkaut, wird er das hören und sofort darauf reagieren.
Misophonie ist immer mit starken Gefühlen verbunden, üblicherweise Hass, Wut, Ekel, Verbitterung. Unter Umständen fühlt sich die betroffene Person sogar angegriffen. Misophoniker wollen dem Geräusch um jeden Preis entkommen. Oft greifen sie ihre Triggerperson in Gedanken körperlich oder verbal an. Die wenigsten setzen diese Gedanken jedoch in die Tat um.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Fehldiagnosen bei Misophonie

Viele Misophoniker leiden aufgrund von Fehldiagnosen. Diese sind fast unvermeidlich, denn bisher ist Misophonie in medizinischen und psychologischen Kreisen nahezu völlig unbekannt. Ich fragte Mitglieder einer Online-Selbsthilfgruppe für Misophoniker, welche Diagnosen bei ihnen gestellt wurden. Oft genannt wurden: Jähzorn, Trotzverhalten, affektive Störung, Hyperakusis, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung), bipolare Störung, paranoide Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörung, Angst, Autismus, Nervenstörung, Sinnesverarbeitungsstörung, Hochsensibilität, Phobie, typisches Mutter-Kind-Drama, Migräne, Krampfanfälle, PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und Depressionen.
Wenn einem Arzt Misophonie unbekannt ist, wird er natürlich eine Fehldiagnose stellen. „Ich weiß nicht, was Ihnen fehlt“ wäre für den Betroffenen besser, besonders, weil die Therapien, die auf eine Fehldiagnose folgen, oft nicht nur nutzlos sind, sondern den Zustand sogar noch verschlimmern.
Vielen Betroffenen wird gesagt, dass alles mit ihnen in Ordnung sei. Andere werden als verwöhnt, verrückt, überempfindlich und arrogant abgestempelt, oder ihnen wird vorgeworfen, dass man ihnen einfach nichts recht machen könne. Vielen wird geraten, die Geräusche einfach zu ignorieren; es sei ja schließlich alles Einbildung.
Misophonie ruft extreme negative Emotionen hervor, und diese führen häufig zu unangebrachtem Verhalten gegenüber anderen Menschen, besonders nahestehenden. Beides, sowohl die Emotionen als auch die darauffolgenden Handlungen, führt oft zu Schuld- und Schamgefühlen. Diese verschlimmern sich selbstverständlich noch, wenn dem Misophoniker auch von außen vorgeworfen wird, dass alles seine Schuld sei.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie-Trigger

Jeder Misophoniker hat seine persönlichen Trigger, die eine zentrale Rolle in seinem Leben spielen. Ein Trigger ist etwas, was er hört oder sieht, beispielsweise wenn jemand kaut, beim Reden leicht mit den Lippen schmatzt, oder pfeift. Geräusche wie diese reizen einen Misophoniker, und die anfängliche Irritation verwandelt sich schnell in extreme Wut, Hass oder Ekel. Diese Reaktionen sind unfreiwillig und es ist dem Misophoniker nicht möglich, Ruhe zu bewahren.
Die sofortige negative Reaktion auf einen Trigger ist das Kennzeichen der Misophonie. Zu diesen Emotionen kommen physiologische Reaktionen hinzu: Muskelanspannung, beschleunigter Herzschlag, Schwitzen oder extreme Stressgefühle. Selbst wenn der Trigger aufhört, bleibt der emotionale Aufruhr, und oft spielt sich das Triggergeräusch auch noch danach wiederholt im Kopf ab. Während ein Trigger den Misophoniker in einem einzigen Augenblick von 0 auf 100 bringen kann, dauert es unter Umständen Stunden, bis er sich wieder beruhigt.
Die Auswirkungen von Misophonie reichen von „fast nicht bemerkbar“ bis zu „extrem einschränkend“. Ich habe einmal einen Mann kennengelernt, der nur einen einzigen Trigger hatte, nämlich das Klimpern des Löffels beim Umrühren von Eistee. Er kann dieses Geräusch nicht verkraften, aber da niemand in seiner Familie Eistee trinkt, hört er den Trigger fast nie, und daher wirkt sich seine Misophonie auch kaum auf sein Leben aus. Eine junge Frau, die ich kenne, hat ebenfalls nur einen Trigger, doch dieser ruiniert ihr Leben. Ihr Trigger: das Geräusch von zwei oder mehreren Frauen, die sich unterhalten. Da sie eine fast ausschließlich weibliche Fachrichtung studiert, ist sie dauernd ihrem Trigger ausgesetzt – ihr Studium ist die Hölle.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier