Studie über die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Maßnahmen bei Misophonie

Eine neue Studie zum Thema Misophonie zeigt, dass bestimmte Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie bei Misophonie durchaus wirksam sind. Während man in der Universitätsklinik Amsterdam längst weiß, dass Expositionsübungen nicht dazugehören, werden hierzulande Misophonie-Patienten leider immer noch unnötigerweise mit Trigger-Konfrontationen gequält. Thomas Dozier, Autor von „Misophonie verstehen und überwinden“, hat das Wesentliche der Studie kurz zusammengefasst und ich habe diese Zusammenfassung nun übersetzen lassen:

Die Fachzeitschrift zur Therapie Affektiver Störungen (Journal of Affective Disorders) veröffentlichte im April 2017 den Forschungsbericht einer Misophonie-Behandlungsstudie, die in der psychiatrischen Abteilung der Universitätsklink in Amsterdam durchgeführt wurde. Der Hauptautor Arjan Schröder ist schon als erster Autor der Forschungsstudie „Misophonie: Diagnostische Kriterien einer neuen psychiatrischen Störung“ aus dem Jahr 2013 bekannt geworden.

90 Teilnehmer (65 Frauen und 25 Männer) nahmen an der Behandlungsstudie teil. Patienten mit Suchterkrankungen, bipolaren Störungen, Autismusspektrumsstörungen oder psychotischen Störungen wurden nicht in der Studie mit eingeschlossen. Die Patienten gehörten verschiedenen Altersgruppen an und litten in unterschiedlichen Schweregraden an Misophonie. Der durchschnittliche Schweregrad war „mäßig“ (A-MISO-S-Wert = 13,6).

Die Behandlung umfasste

  1. Gruppensitzungen, wöchentlich oder zweiwöchentlich (8 Sitzungen für Kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungsübungen), mit jeweils 6 bis 9 Teilnehmern
  2. Konzentrationsübungen zur Verbesserung der Aufmerksamkeitsverlagerung
  3. Gegenkonditionierung (Trigger hören und zugleich ein angenehmes Erlebnis verspüren)
  4. Triggermanipulation – Bearbeitung, Verringerung und Veränderung der Trigger auf dem eigenen Computer
  5. Entspannungsübungen

Ergebnis: 58% berichteten von einer deutlichen Verbesserung. Davon kamen fast alle (48%) auf eine mindestens 30% niedrigere A-MISO-S-Wertung. Bei 9% (8 Patienten) verschwanden die Symptome sogar komplett.

Bemerkungen einiger Patienten bezüglich der Behandlung:

  • Die Konzentrationsübungen halfen dabei, die Aufmerksamkeit vom Trigger auf andere Sinnesreize zu verlagern (z.B. eine Unterhaltung).
  • Die Gegenkonditionierung half einigen Patienten, die Trigger mit positiven Gefühlen zu verbinden.
  • Die Triggermanipulationsübung gab den Patienten das Gefühl, dass die Trigger zu einem gewissen Grad kontrolliert werden können. Sie fühlten sich weniger überwältigt, wenn sie den echten Triggern ausgesetzt waren.
  • Die Patienten fühlten sich dank der Entspannungsübungen weniger irritiert und eher dazu im Stande, ihre Trigger zu tolerieren.

Link zum Forschungsbericht

Kurse nach der Methode der Universitätsklinik Amsterdam und Thomas Dozier

Ebenso wie die Experten der Universitätsklinik Amsterdam vertritt auch Thomas Dozier die Auffassung, dass es sich bei Misophonie um eine Störung durch Konditionierung und nicht durch Traumatisierung handelt. Die Gegenkonditionierung beschreibt er in seinem Buch „Misophonie verstehen und überwinden“. Er entdeckte auch, dass jede misophonische Reaktion in Zusammenhang mit einem Muskelreflex steht. Das Einbeziehen dieses Reflexes in die Therapie erhöht die Erfolgschancen erheblich.

Bei Interesse an einem Kurs nach dem Schema der Studie und nach Thomas Dozier melden Sie sich bei mir unter Kontakt.

Die Ausbreitung von Misophonie-Triggern

Stellen Sie sich vor, Ihr Trigger wären Kaugeräusche. Nun sitzen Sie also am Esstisch, hören jemanden kauen und bemerken gleichzeitig das Kratzen der Gabeln auf den Tellern. Dieses Kratzen kann Ihr nächster Trigger werden. Oder Sie reagieren zunächst nur auf das Kauen, hören aber gleichzeitig, wie jemand schnieft. Nun lösen plötzlich beide Geräusche eine misophonische Reaktion bei Ihnen aus. Ein anderes Szenario wäre, dass nur das Kaugeräusch einer bestimmten Person Ihr Trigger ist, doch dann bemerken Sie die Essgeräusche der anderen Personen am Tisch. Sie könnten zunächst auf alle Geräusche dieser Personen reagieren, und schließlich von jeder beliebigen kauenden Person getriggert werden.
Wenn ein Geräusch gleichzeitig mit Ihrem Triggergeräusch auftritt, oder auch nur in dem Moment, in dem Sie noch durch Ihren Trigger verärgert sind, kann dieses neutrale Geräusch zu einem neuen Trigger werden. Das Gleiche trifft auf visuelle Trigger zu. Obwohl Misophonie meist mit einem akustischen Auslöser beginnt, kann ein sich wiederholender visueller Eindruck, der gleichzeitig mit dem akustischen Trigger auftaucht, schnell zu einem visuellen Auslöser werden. Wenn Sie zum Beispiel auf das Geräusch einer platzenden Kaugummiblase reagieren, sehen Sie gleichzeitig die Kaubewegungen Ihrer Triggerperson. Diese Bewegung wird Ihr neuer unabhängiger Trigger. Selbst wenn Sie aufgrund von Ohrstöpseln gar nichts hören oder durch ein Fenster jemanden beim Kaugummikauen nur sehen, aber nicht hören können, kann die Kieferbewegung bereits eine Reaktion in Ihnen triggern.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie und der Muskelreflex: Erfahrungsberichte

Pauls Geschichte

Paul ist ein völlig gesunder Berufstätiger mittleren Alters. Er nahm eine neue Arbeit an, bei der er oft Anrufe von Menschen entgegennehmen musste, die seine Hilfe brauchten. Er entwickelte schließlich eine Muskelanspannung in der Brust, wenn er den Standardklingelton seines Handys hörte. Es ist anzunehmen, dass die Muskelanspannung die physische Reaktion auf seine Emotionen war, die vom Stress durch die ständigen Anrufe ausgelöst wurden. Er änderte seinen Klingelton, doch nach einiger Zeit spürte er auch bei dem neuen Ton die gleiche Muskelanspannung in der Brust. Er änderte den Klingelton mehrere Male, doch das half nicht. Schließlich schaltete er sein Handy auf Vibration, aber es dauerte nicht lange, bis er auch darauf reagierte. Als sogar das Klingeln eines Telefons im Fernsehen als Auslöser wirkte, wurde ihm klar, dass das Klingelgeräusch sein Trigger war. Paul erklärte: “Ich höre das Klingeln, meine Brustmuskeln zucken, und es gefällt mir nicht!“ Ihm missfiel zwar sein körperlicher Reflex, aber er spürte keine der Emotionen, die normalerweise mit den problematischen Anrufen einhergingen. Er beeinträchtigte keineswegs seine Arbeitsleistung, war aber ein aversiver Reflex auf ein übliches Geräusch. Jeglicher aversive Muskelanspannungsreflex auf einen Auslöser kann als misophonischer Reflex bezeichnet werden.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie und der Muskelreflex: Erfahrungsberichte

Carlas Geschichte

Wenn die 10-jährige Carla ihren primären Trigger – die Kaugeräusche ihres Bruders – hörte, wurde sie sofort wütend, konnte aber keine körperliche Reaktion wahrnehmen. Carla und ihr Bruder stritten sich oft am Esstisch und ihre Mutter berichtete, dass Carla dann mit ausgestreckten Armen aufstand (ihre Arm- und Beinmuskeln waren also angespannt) und von ihrem Bruder verlangte, dass er sie nicht so anstarren solle. In dieser Situation hörte sie ihren Bruder schmatzen. In der Klinik löste eine leise Aufnahme ihres Triggers ein sichtbares Zucken in ihren Armen und Schultern aus. Sie spürte zwar die Muskelanspannung, aber keine oder nur sehr geringe Anflüge von Wut und Ekel. Anscheinend löste der Trigger die gleiche Muskelanspannung aus wie das Streiten mit ihrem Bruder. Dies belegt die Hypothese, dass sich Misophonie als ein Pavlov’scher konditionierter Reflex entwickelt, und dass die erste Reaktion auf einen Triggerstimulus ein körperlicher Reflex ist.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Die Schuldfrage bei Misophonie – Kriminalisierung des Umfeldes

Wenn ein Misophoniker auf das Kaugeräusch einer ganz bestimmten Person mit Wut reagiert, liegt der Schluss nahe, dass die Wut gegen diese Person gerichtet ist. Dann liegt der Verdacht nicht fern, dass ein traumatisches Erlebnis mit dieser Person der Grund für die Wut ist. Sogar Psychologen wagen, ihre aus der Luft gegriffenen Vermutungen im Internet kund zutun: „Aus meiner Sicht hat die Misophonie psychologische Ursachen“, sagt sie. Anders könne sie sich nicht erklären, dass Patienten Kaugeräusche einer bestimmten Person unerträglich finden, während sie das Schmatzen einer anderen Person überhaupt nicht stört. Es gehe immer auch um die Frage: Welche Bedeutung hat das Geräusch für mich?“ Sogar sexueller Missbrauch wird als mögliche Ursache genannt.

Diese Annahmen wurden schon lange durch hinreichende Untersuchungen widerlegt. Bei der Auswertung von hunderten von Fällen lässt sich eine Art Standard-Szenario für das Entstehen von Misophonie erkennen: Ein Kind, meist im Alter von 8 bis 12 Jahren, steht wegen unterschiedlichsten Gründen unter allgemeinem Stress (Schulnoten, Mobbing, Streit etc.) und sitzt mit der Familie am Esstisch. Ihm wird ein sich wiederholendes Geräusch (Kauen, Schniefen, das Ticken einer Uhr) unangenehm bewusst, es möchte oder darf den Esstisch aber nicht verlassen. Fortan ist genau dieses Geräusch dann Auslöser für die misophonische Reaktion.

Es wird immer wieder deutlich, dass die Kopplung von Geräusch und Reaktion keine kausale Verkettung ist. Es reagieren so viele Kinder auf die Kaugeräusche ihrer Eltern, weil die Esstisch-Situation das Szenario ist, in denen gestresste Kinder, sich wiederholende Geräusche und die schwierige Fluchtmöglichkeit am häufigsten anzutreffen ist. Gegen die kausale Verkettung sprechen auch die ‚technischen‘ Trigger wie das Ticken einer Uhr. Eine Uhr ist über jeden Verdacht erhaben, ein Kind misshandelt oder missbraucht zu haben. Insofern können die Eltern von Glück reden, wnn ihr misophonisches Kind ein Uhrenticken als Trigger hat und nicht ihr Kau- oder Atemgeräusch. Sie müssen sich zumindest nicht mit den Gedanken plagen, was in aller Welt sie ihrem Kind wohl angetan haben könnten, dass es so wütend und angeekelt auf sie reagiert.

Hier einige Erfahrungsberichte aus dem Buch Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier:

Anfangs nahm ich an, dass traumatische Erlebnisse zu Misophonie führen. Die erwies sich aber als falsch, denn die ersten Erfahrungen mit Triggern werden als sehr unspektakulär beschrieben: Eine Patientin sagte folgendes: „Ich saß in der Kirche neben meiner Großmutter und sie schniefte und schniefte. Das war mein erster Trigger.“

Johns Geschichte

John litt als Kind an Angstattacken, die ihm manchmal den Schlaf raubten. Er teilte ein Zimmer mit seinem Bruder, der wegen seiner Allergien laut durch die Nase atmete. Eines Nachts lag John stundenlang wach, hörte diesem Atmen zu und stand schließlich auf, als er es nicht mehr ertragen konnte. Er schlief dann auf der Couch. Seit jener Nacht ist das Atmen seines Bruders sein Trigger. Bei einer solchen Erfahrung, wenn also ein Stimulus (ein Geräusch) einen Reflex auslöst, handelt es sich um eine Pavlov’sche oder klassische Konditionierung. Das laute Atmen des Bruders wurde mit der physiologischen Reaktion von Johns Unbehagens (d.h. der Muskelanspannung) gekoppelt, sowie mit dem emotionalen Leiden, das von seiner Angst und Schlaflosigkeit stammte. Die Atemgeräusche seines Bruders lösten nach dieser Nacht eine konditionierte körperliche und/oder emotionale Reaktion aus. Es scheint so zu sei, dass der Trigger mehr mit dem körperlichen Reflex als mit der emotionalen Reaktion verbunden wird.

Misophonie und Reflexe

Unser Hirnstamm, bzw. das Reptiliengehirn, kontrolliert unsere Reflexe. Wenn es einen Stimulus wahrnimmt, löst es eine sofortige physiologische Reaktion aus. Der Stimulus kann intern sein: ein erhöhter Kohlendioxidspiegel im Blut veranlasst uns, schneller zu atmen. Der Stimulus kann auch extern sein: wir schrecken aufgrund eines lauten Geräusches zusammen.
Sie können Ihre Reflexe nicht kontrollieren. So bestimmen Sie beispielsweise nicht, ob Sie schwitzen wollen oder nicht. Wenn Sie hellem Licht ausgesetzt sind, ziehen sich Ihre Pupillen ganz automatisch zusammen. Ihr Verdauungssystem, Ihr Herzschlag und Ihr Schreckreflex werden ebenfalls ohne Ihre bewusste Entscheidung vom Reptiliengehirn kontrolliert.
Einige Ihrer Reflexe sind angeboren, während andere im Laufe des Lebens entstehen. Diese Entwicklung heißt klassische oder Pavlov’sche Konditionierung und beginnt sofort nach Ihrer Geburt. 1901 führte Pavlov eine Studie mit Hunden durch, um deren Verdauung und Speichelfluss zu erforschen. Eines der Experimente diente dazu, die produzierte Speichelmenge der Hunde abhängig von der jeweiligen Fleischmenge, die sie fraßen, zu messen. Dabei entdeckte er, dass die Hunde schon Speichel produzierten, bevor sie das Fleisch fraßen. Das brachte ihn auf die Idee, herauszufinden, ob er den Speichelfluss der Hunde auch mit einem Glöckchen auslösen könne.
Bevor er den Hunden das Fleisch gab, das ihren Speichelfluss auslöste, klingelte er mit dem Glöckchen. Er wiederholte den Ablauf: Klingeln-Fleischgabe-Speichelfluss, Klingeln-Fleischgabe-Speichelfluss. Dann ließ er das Fleisch weg und die Hunde produzierten dennoch Speichel. Das Gehirn hatte das Klingeln mit dem Speichelfluss verbunden, denn es wusste, dass das Fleisch folgen würde. Nachdem sich der Ablauf mehrmals wiederholt hatte, lernte das Reptiliengehirn, dass der Ton signalisierte, dass Speichel benötigt wurde. So verknüpfte das Reptiliengehirn den Stimulus (das Klingeln) mit der Reaktion (Speichelproduktion). Über Jahre hinweg glaubten Forscher, dass sich der Reflex entwickelt habe, weil das Klingeln mit der Fleischgabe verbunden werde, aber neueste Studien zeigen, dass es wie beschrieben mit dem Speichelfluss gekoppelt ist.

Wichtig zum Verständnis der Misophonie ist, dass wir den konditionierten Reflex als eine Verbindung zwischen dem Stimulus und der körperlichen Reaktion betrachten. Als ich damit begann, Misophonie und die Entwicklung des misophonischen Reflexes zu untersuchen, stellte ich fest, dass es keinen unkonditionierten Stimulus gibt (so wie Fleisch, das das Speicheln der Hunde auslöst). Es gibt jedoch eine Verknüpfung des Triggerstimulus mit dem ersten misophonischen körperlichen Reflex, und dieser ist dem Betroffenen normalerweise völlig unbewusst.
Ein konditionierter Reflex entwickelt sich, wenn zwischen den beiden Stimuli nicht mehr als zwei Sekunden, am besten nur eine halbe, liegen. Wenn ich z.B. mit einer kleinen Glocke als Stimulus klingele und Sie eine halbe Sekunde danach in die Seite stupse (2. Stimulus), und diesen Vorgang einige Male wiederhole, würden Sie schließlich dem Klingeln zusammenschrecken, auch wenn ich Sie nicht stupse.
Konditionierte Reflexe verlieren sich wieder, wenn die Reaktion nicht mehr provoziert oder erzwungen wird. Bei den Pawlov´schen Hunden verliert sich der Reflex (das Speicheln nach dem Klingeln), wenn über einen längeren Zeitraum kein Fleisch nachgeliefert wird.
Bei Misophonie hören die Reflexe jedoch nicht auf. Offensichtlich verstärkt sich der misophonisch-konditionierte Reflex, wenn ein Trigger wahrgenommen wird. Wenn Sie einen Trigger hören (z.B. Kaugeräusche) wird der Reflex ausgelöst. Danach erfolgt der emotionale Schub, durch den sich die Muskelanspannung noch weiter erhöht. Ihr Reptiliengehirn verbindet jetzt das Geräusch mit einer starken Muskelanspannung und glaubt, beim nächsten Trigger den Muskel noch stärker anspannen zu müssen. Dieser starke emotionale Schub nach dem Trigger scheint dafür verantwortlich zu sein, dass der Reflex sich bei jedem Trigger verfestigt, anstatt nachzulassen.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Gesamtbild der misophonischen Komponenten

Was geschieht wenn Sie einem Trigger ausgesetzt sind? Es ist nicht so einfach wie es scheint, denn Misophonie ist ein zweiteiliger Prozess.

  1. Sie sehen oder hören einen Trigger, dieser löst einen körperlichen Reflex in Ihnen aus. Dieser Reflex ist aversiv, unangenehm und ungewollt.
  2. Der körperliche Reflex löst Ihre extremen Emotionen aus, so wie allgemeine physiologische Reaktionen, die von Ihrer emotionalen Erregung stammen. Diese Reaktionen schließen Druck im Brustkorb, Kopf oder gar im ganzen Körper ein, sowie Muskelanspannung, feuchte Hände, Atemnot, hohen Blutdruck und schnellen Puls. Wegen dieser starken Reaktionen wird der Reflex selbst normalerweise nicht wahrgenommen.

Wie die körperlichen Reflexe auf Behandlungen und unterschiedliche Triggerstärken ansprechen, deckt sich mit Forschungsergebnissen zu Reflexen im allgemeinen. Der misophonische Reflex ist also ein angeeigneter, aversiver, körperlicher Reflex, bzw. ein konditionierter oder Pavlov’scher Reflex.

Der Begriff „Bewältigungsstrategie“ beschreibt, was Sie tun, wenn Sie einen Trigger wahrnehmen, wie zum Beispiel sich die Ohren zuhalten, das Geräusch nachäffen, ihre Triggerperson auffordern, mit dem Geräusch aufzuhören, oder sich zurückziehen.

Misophonische Komponenten

 

Misophonie und schmerzinduzierte Aggression

Es wird Ihnen leichter fallen, Ihre Emotionen in den Griff zu bekommen, wenn Sie Misophonie als einen körperlichen Reflex betrachten. Bislang wurde Ihnen gesagt, Sie sollten sich einfach beruhigen, und ihre Mitmenschen waren vielleicht sogar der Meinung, dass Sie sich alles nur einbilden. Sicherlich waren Sie unglaublich wütend auf ihre Triggerpersonen, obwohl das eigentlich wider Ihre Natur ist. Möglicherweise wollten Sie sie sogar verletzen oder sagten und taten Dinge, die Sie hinterher bereuten. Aber Misophoniker haben keine Wahl. Ohne Behandlung empfinden sie den Reflex als einen Angriff. Das bilden Sie sich nicht einfach ein – sie werden tatsächlich von Ihrem Reptiliengehirn angegriffen. Es nimmt das Geräusch wahr, sendet einen elektrischen Impuls, und dieser löst eine unkontrollierbare Wut aus.

Eine an Mäusen in elektrisch geladenen Käfigen durchgeführte Studie verdeutlicht den Zusammenhang zwischen dem elektrischen Impuls und der misophonischen Wut, welche diese Angriffslust provoziert. (Ich möchte anmerken, dass ich diese Studie nicht durchgeführt habe und Tierversuche nicht befürworte.) Mäuse, die einen elektrischen Schlag abbekamen, griffen die nächstbeste Maus an, obwohl diese ihnen nichts getan hatte. Wir nennen das schmerzinduzierte Aggression. Das Gleiche geschieht bei Misophonikern – der elektrische Impuls löst ihre aggressiven Emotionen aus. Diese sind so extrem, dass sie den eigentlichen Impuls gar nicht bemerken, doch er existiert und er ist es, der ihre misophonischen Gefühle auslöst.

Der körperliche Reflex in der misophonischen Reaktionskette

Extreme Emotionen wie Wut, Ekel oder Verbitterung überwältigen den Misophoniker, evtl. fühlt er sich auch beleidigt und / oder angegriffen. Hilflosigkeit oder Trostlosigkeit kann ebenfalls zu diesen starken Gefühlen gehören. Warum ist es nicht möglich, diese Emotionen zu unterbinden? Die Antwort: Weil für die Misophonie nur die unbewussten Teile des Gehirns verantwortlich sind (das Reptiliengehirn löst den emotionalen Reflex des limbischen Systems aus), können Misophoniker ihre Reaktion auf den Trigger genauso wenig kontrollieren wie z.B. einen Schweißausbruch. Auch die äußeren Umstände sind unwichtig – der Triggerstimulus löst die Emotionen jedes Mal aus, wenn unser Reptiliengehirn ihn wahrnimmt.

Der körperliche Reflex

Es scheint so, als ob die extremen Emotionen eine direkte Reaktion auf einen Trigger sind. Die folgende Abbildung illustriert diese Auffassung von Misophonie:

Scheinbare Reaktionskette bei Misophonie

Diese Zeichnung ist aber unvollständig, es fehlt ein entscheidender Zwischenschritt! Der Trigger löst nicht die Emotionen aus, sondern einen körperlichen Reflex. Erst dieser Reflex ruft dann die extremen Emotionen hervor. Die tatsächliche Ereigniskette sieht also so aus:

Tatsächliche Reaktionskette bei Misophonie

Diesen unfreiwilligen Muskelreflex bestätigen über 95% meiner Patienten. Ein Geräusch löst eine bestimmte körperliche Reaktion aus, beispielsweise die Muskelanspannung des Nackens, der Schultern, des Brustkorbs, der Arme, des Gesichts, der offenen oder geballten Hand, der Füße, Beine, Zehen oder des Pos. Manchmal sind die Reflexe auch intern, so wie in der Speiseröhre oder im Magen. Der Misophoniker spürt eventuell Übelkeit, sexuelle Erregung oder Harndrang. Es gibt eine Vielzahl von Reflexen, und bei einigen sind sogar mehrere Muskeln beteiligt. Ein Patient beschrieb, dass er sich jedes Mal so fühle, als ob er einen Ball fangen würde, der gegen seinen Brustkorb prallt – beide Hände schossen nach oben, seine Ellbogen pressten sich an den Körper. Folgendes Video zeigt eine solche Reaktion. TRIGGERWARNUNG: Im Video ist ein Schniefen zu hören.

Die Individualität der körperlichen Reflexe bestätigt, dass Misophonie keine plötzlich auftauchende genetische Störung ist, sondern dass sie sich aus der Neurologie und den Erfahrungen der jeweiligen Person heraus entwickelt.
Einige körperliche Reflexe sind fast nicht wahrnehmbar, z.B. eine ruckartige Bewegung des Kopfes oder ein Augenzucken. Andere hingegen sind sehr stark. Eine Person sagte, ihr Reflex fühle sich an, als ob sie jemand mit einem Spaten quer durch die Brust aufspieße, eine andere sagte, es sei ein Gefühl als ob jemand ihr eine Nervenfaser aus der Wirbelsäule zöge. Obwohl es bei 30 – 40 Millionen Misophonikern natürlich Gemeinsamkeiten gibt, findet man wahrscheinlich keine zwei genau übereinstimmenden Beschreibungen.
Der körperliche Reflex ist immer da, wird wegen der extrem starken Emotionen aber normalerweise nicht wahrgenommen, weil diese sozusagen über allen anderen Empfindungen liegen. Bei einer meiner Patientinnen konnten ihre Mutter und ich ein Achselzucken sehen, während sie selbst nichts davon spürte. Bei einem anderen Patienten war es ein Zucken im Bein, bei wieder einem anderen ein Stirnrunzeln. Auch sie spürten ihren Reflex erst nach langem Suchen. Es ist wie ein Doppelschlag beim Boxen: erst der kaum spürbare körperliche Reflex und sofort danach die überwältigenden Emotionen, oder die Flucht-oder-Kampf-Reaktion. Die körperliche Reaktion ist viel schwächer als die emotionale und deshalb sehr schwer wahrzunehmen.
Wenn Sie ihren körperlichen Reflex genau bestimmen wollen, brauchen sie dazu einen schwachen Trigger – kurz und leise, also eine halbe Sekunde oder weniger, und fast unhörbar, am besten als Aufnahme. Der Trigger soll so leise sein, dass er zwar den Reflex, aber keine negative misophonische Reaktion auslöst. So können Sie bewusst Ihren Reflex wahrnehmen. Zum Aufnehmen und Abspielen können Sie z.B. meine kostenlose „Misophonia Reflex Finder App“ verwenden, mit ihr lassen sich auch Dauer und Lautstärke genau einstellen.

Die Identifizierung des Triggermuskels ist der erste Schritt zu einer dauerhaften Auflösung der misophonischen Reaktion.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie – Trigger

Es gibt eine große Bandbreite von Triggern. Obwohl Kau- und Atemgeräusche besonders häufig vorkommen, kann auch jedes andere sich wiederholende Geräusch zum Trigger werden. Niemand hat sämtliche Trigger. Jeder Misophoniker hat seine eigene Kombination.
Der erste Trigger eines Misophonikers stammt immer von einer ganz bestimmten Person oder aus einem bestimmten Bereich seines Lebens. Es können Vogelgezwitscher, Grillenzirpen, klopfende Rohre, bestimmte Worte, die Geräusche von technischen Geräten u.ä. sein. Häufig sind es Essgeräusche, z.B. wenn jemand Popcorn isst oder (sehr häufig) das Platzen von Kaugummiblasen.
Für manche Misophoniker ist ein Geräusch nur dann ein Trigger, wenn eine bestimmte Person sie macht. Einer meiner Patienten war ein 15-jähriger Junge, der misophonische Reaktionen hatte, wenn seine Mutter etwas Knuspriges aß. Ich stellte ihn mit dem Gesicht zur Wand und steckte mir Kartoffelchips in den Mund. Keine Reaktion. Seine Mutter tat das Gleiche und er reagierte sofort mit: „Igitt! Das ist es!“ Dahingegen gibt es andere, die immer auf dieselbe Art von Geräusch reagieren, egal von wem es stammt.
Ich hatte eine Frau in Behandlung, deren Trigger ihr Ehemann war, wenn er „äh“ sagte. Dieser einsilbige Laut löste in niemandem sonst eine Reaktion aus, und es störte sie auch nicht, wenn andere ihn machten. Es war ihr ganz persönlicher Trigger. Eine andere Frau konnte es nicht aushalten, wenn ihr Mann knuspriges Brot aß. Für einige Kinder ist die Stimme eines Elternteils ihr Trigger, aber nicht Stimmen im Allgemeinen.
Ich kenne einen Mann in den 40ern, vor dessen Fenster Vögel ihr Nest bauten. Es handelte sich um Spottdrosseln, die 24 Stunden am Tag zwitschern, und das taten sie nun direkt vor seinem Schlafzimmerfenster. Dieser Vogelgesang entwickelte sich zu seinem Trigger.
Die meisten Misophoniker haben Trigger, die von Menschen erzeugt werden. Einige reagieren aber auch auf Geräusche von Dingen, wie z.B. klopfende Rohre, tickende Uhren, Haartrockner, elektrische Rasierapparate. Trigger basieren auf den eigenen, einzigartigen Erfahrung mit Geräuschen.
Der Grund für die vielen übereinstimmenden („typischen“) Trigger ist, dass wir viele Erfahrungen und Aktivitäten gemeinsam haben. Wir essen oft gemeinsam mit anderen Menschen, hören andere atmen, und wenn wir mit einem Allergiker zusammen wohnen, gehören die mit einer gereizten Nasenschleimhaut verbundenen Geräusche zum Alltag. Diese Erfahrungen führen zu häufig vorkommenden Triggern, schließen aber nicht die Entwicklung seltenerer individueller Trigger aus.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier