Misophonie Behandlungsmethoden: Entspannung des Reflexmuskels

Sie können die Reaktion auf einen Trigger vermindern, indem Sie Ihre Muskeln entspannen. Bewusste Entspannung vor einem Trigger veranlasst Ihr Reptiliengehirn dazu, langsam die Reflexintensität zu senken. Muskelentspannung ist also sowohl Bewältigungsstrategie als auch Behandlungsmethode.
Der Beitrag unter Bewältigungsstrategien erklärte PME (Progressive Muskelentspannung nach Jakobson) detailliert. Um sie als Behandlungsmethode zu verwenden, müssen Sie lernen, Ihre Muskeln auf Kommando zu entspannen, ohne sie zuvor angespannt zu haben.
Ein Trigger kommt selten allein. Die Person neben Ihnen schnieft, kaut oder tippt auf einer Tastatur herum. Trigger dieser Art sind nahezu konstant. Um Ihr Gehirn neu zu vernetzen, ist es notwendig zu lernen, den Muskel Ihres ersten misophonischen Reflexes zu entspannen, bevor Sie dem Trigger ausgesetzt werden. Sie können natürlich auch andere Muskeln entspannen, doch ihr Reptiliengehirn wird nur geschult, wenn Sie im Vorhinein genau den Muskel entspannen, der vom Trigger attackiert wird.

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Wenn Sie lernen, den Reflexmuskel zu entspannen, wird er sich weniger zusammenziehen und entspannt sich fast sofort wieder. Ihr Reptiliengehirn wird so während der kritischen „Lernzeit“, d.h. in den ersten zwei Sekunden nach einem Trigger, einen viel entspannteren Muskel vorfinden und so beim nächsten Mal nicht so extrem reagieren. Allmählich verschwindet der körperliche Reflex komplett.
Muskelentspannung vor und während eines Triggers ist keine unwichtige Kleinigkeit. Sie ist vielmehr eine äußerst wirksame Schulung für das Reptiliengehirn. Betrachten Sie es nicht als Progressive Muskelentspannung, sondern als Muskelentspannungsübung, die tägliches Engagement erfordert. Sie können ihr Reptiliengehirn durch die Entspannung Ihres Reflexmuskels völlig umstrukturieren. Die Neural-Repatterning-Technique (NRT), die wir als nächstes besprechen werden, verwendet einen Trigger mit geringer Intensität, um Ihnen die Entspannung zu erleichtern.
Ein Patient hörte im ersten Misophonie-Seminar von den Entspannungstechniken. Nur 8 Monate später war er beim 2013-Seminar als Mitglied des Patientenausschusses anwesend und berichtete, wie es ihm ergangen war. Jahrelang hatte er sich nach seinem Trigger entspannt, um so seine Wut aufzulösen. Jetzt hatte er entdeckt, dass er sich bereits vor dem Trigger entspannen konnte. So konnte er seine Misophonie praktisch eliminieren und das nur durch Muskelentspannung. Sein Initialreflex bestand in einem Hochziehen seiner Schultern. Als er lernte, seine Schultern vor einem Trigger zu entspannen, reduzierte er damit den Schweregrad seines Reflexes. Sein Reptiliengehirn wurde so umstrukturiert, dass beim nächsten Trigger sein Reflex etwas geringer ausfiel. Mein Artikel „Gegenkonditionierung: Den ersten misophonischen Reflex mit der Neural-Repatterning-Technique behandeln“, (englischsprachig) enthält einen ähnlichen Bericht. Eine Patientin begann erst mit der PME, ergänzte ihre Übungen mit NRT zusammen mit der Trigger-Tamer-App und lernte so, sich während ganz leisen Triggern zu entspannen. Sie konnte in der NRT-Behandlung zwei Trigger völlig eliminieren, setzte das Erlernte dann in Alltagssituationen um und reduzierte so weiter die Anzahl ihrer Trigger.
PME klingt vielleicht banal, aber richtig erlernt und angewendet kann diese Fertigkeit Ihnen helfen, Ihre Misophonie zu lindern oder gar zu eliminieren.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Bild: gornostay, shutterstock.com

Misophonie Bewältigungsstrategien: Kopfhörer

Sie können sich das Hintergrundrauschen des Misophonie-Management-Programms auch mit offenen Kopfhörern anhören, was eine günstige Lösung ist. Wenn Sie eine Geräusch-App auf ihr Handy oder Ihr Tablet herunterladen möchten, empfehle ich die (kostenlose) App White Noise von TMSOFT  (Alle Links zu den genannten Hilfen finden Sie unter “Weiterführende Adressen”).

Diese Kopfhörer werden direkt am Ohr befestigt. Da die Lautsprecher Ihren Gehörgang nicht verschließen, können Sie noch gut hören. So vermischen sich die Hintergrundgeräusche Ihrer App mit Ihren Alltagsgeräuschen.
Als günstige Version eines persönlichen Tonerzeugers können Sie einen tragbaren MP3-Player benutzen, um ein Rauschen abzuspielen. Stellen Sie die Lautstärke so hoch ein, dass Ihr Reflex auf die Triggergeräusche reduziert wird.
Wenn Sie kein Smartphone haben, können Sie sich ein billiges Android-Handy zulegen. Für diesen Zweck brauchen Sie keinen Handy-Vertrag und haben somit keine monatlichen Kosten.
Trotz des Misophonie-Management-Programms (MMP) und Tonerzeugern kann die Situation am Esstisch problematisch werden, weil Kopfhörer keine visuellen Trigger blockieren können. Diese sind eigenständig, d.h. sie wirken auch in einem völlig geräuschlosen Umfeld als Auslöser. Selbst wenn ein Misophoniker mit geräuschunterdrückenden Kopfhörern nichts hört, können Kieferbewegungen ihn triggern.
Ich hatte ein Kind in Behandlung, das nicht ertragen konnte, seine Eltern essen zu sehen. Die Familie wollte ihre Mahlzeiten aber gemeinsam einnehmen, also fanden sie eine gute Lösung: sie saßen alle auf einer Seite vom Esstisch. Das mag zwar eigenartig erscheinen, funktionierte aber hervorragend, und das Kind musste nicht alleine in seinem Zimmer essen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass neutrale Geräusche wie Hintergrundrauschen etc. die schnellste und einfachste Bewältigungsstrategie bei Misophonie sind. Sie können den Triggerreflex drastisch reduzieren. Führen Sie also Geräusche in Umgebungen ein, von denen Sie wissen, dass Sie dort Triggern ausgesetzt sein werden. Dadurch wird Ihre Misophonie nicht geheilt, aber erträglicher werden. Denken Sie aber daran, dass diese Strategie keinerlei Auswirkung auf Ihre visuellen Trigger hat.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Der körperliche Reflex in der misophonischen Reaktionskette

Extreme Emotionen wie Wut, Ekel oder Verbitterung überwältigen den Misophoniker, evtl. fühlt er sich auch beleidigt und / oder angegriffen. Hilflosigkeit oder Trostlosigkeit kann ebenfalls zu diesen starken Gefühlen gehören. Warum ist es nicht möglich, diese Emotionen zu unterbinden? Die Antwort: Weil für die Misophonie nur die unbewussten Teile des Gehirns verantwortlich sind (das Reptiliengehirn löst den emotionalen Reflex des limbischen Systems aus), können Misophoniker ihre Reaktion auf den Trigger genauso wenig kontrollieren wie z.B. einen Schweißausbruch. Auch die äußeren Umstände sind unwichtig – der Triggerstimulus löst die Emotionen jedes Mal aus, wenn unser Reptiliengehirn ihn wahrnimmt.

Der körperliche Reflex

Es scheint so, als ob die extremen Emotionen eine direkte Reaktion auf einen Trigger sind. Die folgende Abbildung illustriert diese Auffassung von Misophonie:

Scheinbare Reaktionskette bei Misophonie

Diese Zeichnung ist aber unvollständig, es fehlt ein entscheidender Zwischenschritt! Der Trigger löst nicht die Emotionen aus, sondern einen körperlichen Reflex. Erst dieser Reflex ruft dann die extremen Emotionen hervor. Die tatsächliche Ereigniskette sieht also so aus:

Tatsächliche Reaktionskette bei Misophonie

Diesen unfreiwilligen Muskelreflex bestätigen über 95% meiner Patienten. Ein Geräusch löst eine bestimmte körperliche Reaktion aus, beispielsweise die Muskelanspannung des Nackens, der Schultern, des Brustkorbs, der Arme, des Gesichts, der offenen oder geballten Hand, der Füße, Beine, Zehen oder des Pos. Manchmal sind die Reflexe auch intern, so wie in der Speiseröhre oder im Magen. Der Misophoniker spürt eventuell Übelkeit, sexuelle Erregung oder Harndrang. Es gibt eine Vielzahl von Reflexen, und bei einigen sind sogar mehrere Muskeln beteiligt. Ein Patient beschrieb, dass er sich jedes Mal so fühle, als ob er einen Ball fangen würde, der gegen seinen Brustkorb prallt – beide Hände schossen nach oben, seine Ellbogen pressten sich an den Körper. Folgendes Video zeigt eine solche Reaktion. TRIGGERWARNUNG: Im Video ist ein Schniefen zu hören.

Die Individualität der körperlichen Reflexe bestätigt, dass Misophonie keine plötzlich auftauchende genetische Störung ist, sondern dass sie sich aus der Neurologie und den Erfahrungen der jeweiligen Person heraus entwickelt.
Einige körperliche Reflexe sind fast nicht wahrnehmbar, z.B. eine ruckartige Bewegung des Kopfes oder ein Augenzucken. Andere hingegen sind sehr stark. Eine Person sagte, ihr Reflex fühle sich an, als ob sie jemand mit einem Spaten quer durch die Brust aufspieße, eine andere sagte, es sei ein Gefühl als ob jemand ihr eine Nervenfaser aus der Wirbelsäule zöge. Obwohl es bei 30 – 40 Millionen Misophonikern natürlich Gemeinsamkeiten gibt, findet man wahrscheinlich keine zwei genau übereinstimmenden Beschreibungen.
Der körperliche Reflex ist immer da, wird wegen der extrem starken Emotionen aber normalerweise nicht wahrgenommen, weil diese sozusagen über allen anderen Empfindungen liegen. Bei einer meiner Patientinnen konnten ihre Mutter und ich ein Achselzucken sehen, während sie selbst nichts davon spürte. Bei einem anderen Patienten war es ein Zucken im Bein, bei wieder einem anderen ein Stirnrunzeln. Auch sie spürten ihren Reflex erst nach langem Suchen. Es ist wie ein Doppelschlag beim Boxen: erst der kaum spürbare körperliche Reflex und sofort danach die überwältigenden Emotionen, oder die Flucht-oder-Kampf-Reaktion. Die körperliche Reaktion ist viel schwächer als die emotionale und deshalb sehr schwer wahrzunehmen.
Wenn Sie ihren körperlichen Reflex genau bestimmen wollen, brauchen sie dazu einen schwachen Trigger – kurz und leise, also eine halbe Sekunde oder weniger, und fast unhörbar, am besten als Aufnahme. Der Trigger soll so leise sein, dass er zwar den Reflex, aber keine negative misophonische Reaktion auslöst. So können Sie bewusst Ihren Reflex wahrnehmen. Zum Aufnehmen und Abspielen können Sie z.B. meine kostenlose „Misophonia Reflex Finder App“ verwenden, mit ihr lassen sich auch Dauer und Lautstärke genau einstellen.

Die Identifizierung des Triggermuskels ist der erste Schritt zu einer dauerhaften Auflösung der misophonischen Reaktion.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier